Die Niagarafälle und die tollkühnen Frauen

Heute ist jegliche Form der Stunt Performance auf dem Gelände des Niagara Parks untersagt und mit einer Geldstrafe von bis zu 10.000,00 USD dotiert. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Wasserfälle jedoch ein beliebter Ort für Sensationsartisten und eine Möglichkeit schnell zu Ruhm und Wohlstand zu gelangen, sollte man den Stunt überleben.

Niagarafälle. Allgemeiner Deutscher Kunst-Verein, um 1890. ©akg-images

Als erste und einzige Frau balancierte die italienische Seiltänzerin Maria Spelterini (1853-1912) am 8. Juli 1876 an der amerikanisch-kanadischen Grenze nahe der Railway Suspension Bridge auf einem 57mm Hochseil über den Niagara Gorge. Bereits wenige Tage später am 12., 19. und 22. Juli wiederholte sie ihre, und ebenfalls alle vorher von Männern [1] dargebotenen Leistungen (außer dem Huckepacktragen einer anderen Person), in dem sie mit Pfirsichkörben an den Füßen, gefesselten Händen und Beinen, verbundenen Augen, vor- und wieder zurück und letztendlich sogar tanzend das ca. 300m lange Seil in weniger als nur 11 Minuten überquerte. In einem Zeitungsartikel aus den 1980er Jahren heißte es: „Her sex and beauty, plus her acrobatic background and ability, struck a sharp note for the equality of woman in an era where a woman’s place was in the home, or in the background.“[2]

Seiltänzerin Maria Spelterini balanciert über die Niagarafälle. George Curtis, 8. Juli 1876. ©akg-images / Science Source

Auch Annie Edson Taylor (1838-1921), ehemalige Lehrerin, wurde 1901 schlagartig mit ihrer spektakulären Überquerung der Niagarafälle in einem Eichenholzfass berühmt. Die 63-jährige ließ sich in dem 1,40m langen und 0,9m breiten, mit Kissen gepolsterten und auf den Namen „Queen of the Mist“ getauften Fass am 24. Oktober um 16:05 Uhr in den tosenden Fluss setzen. Damit das Fass vertikal ausgerichtet blieb, wurde mit einer Fahrradpumpe frische Luft in das Fass gepresst und dieses mit einem Korken versiegelt. Nach 18 Minuten flussabwärts erreichte es die Horseshoe Falls, stürzte 53m in die Tiefe und wurde um 16:40Uhr intakt mit einer lebenden, nur leicht am Kopf verletzten Annie Taylor geborgen.

Annie Edson Taylor im Eichenholzfass. Griffith & Griffith, 24. Oktober 1901. ©akg-images / Science Source
Annie Edson Taylor nach dem Sturz. Griffith & Griffith, 24. Oktober 1901. ©akg-images / Science Source

Annies Hoffnung, den Rest ihres Lebens von ihrer nun erlangten Berühmtheit finanziell zu profitieren, ging nicht in Erfüllung. Im April 1921 starb sie in Armut. Erinnert wird sie als todesmutige Frau und als „first to go over the Horseshoe Falls in a barrel and live“[3].

Annie Edson Taylor mit ihrem Eichenholzfass. Bain News Service, undatiert. ©akg-images / Science Source
Fußnoten:
  • [1] Charles Blondin (geb. Jean François Gravelet, 1824 – 1897) war der erste Seiltänzer, der den Niagara Gorge am 30.06.1859 auf einem Hochseil überquerte.
  • [2] Waybackmachine. 04.03.2016. „Niagara’s first female rope walker dazzled thousands with her stunts“ Aufgerufen am 08.01.2020. https://web.archive.org/web/20160304033203/http://www.nflibrary.ca/nfplindex/show.asp?id=78888&b=1
  • [3] Inschrift des Grabsteins von Annie Edson Taylor auf dem Oakwood Friedhof in Niagara Falls, Niagara Country, New York.