Ins Schwarze getroffen…

Werkstattbericht aus der Bilddokumentation

Ein Maler hing Ende 1915 im Rahmen der Ausstellung „0,10“ in Sankt Petersburg sein – aus heutiger Sicht berühmtestes – Gemälde wie eine russische Ikone schräg oben in die Wandecke unter die Decke des Raumes. Und tatsächlich, es wurde von vielen zeitgenössischen Künstlern, auch im Ausland begeistert aufgenommen. Es bildet einen bahnbrechenden Meilenstein in der kunsthistorischen Entwicklung. Und ist zu einer der Ikonen der abstrakten Malerei geworden.

Wie lautet denn nun der Titel des Gemäldes mit diesem Schlüsselcharakter? Ich zitiere gern noch ein paar kleine Fingerzeige zum Werk, ganz einfach der Freude am Rätseln und Herausfinden halber: „ (…) malen. Am besten den Urknall. Die Empfindung der Gegenstandslosigkeit. Zurückkommen auf den Punkt. Oder besser aufs – Quadrat. So ein Quadrat sagt viel oder alles: Vier Ecken. Vier Jahreszeiten. Vier Himmelsrichtungen. Die Zahl des Kreuzes. Die Zahl des Irdischen. Des Lebens an sich. (…) Die ungerahmte Ikone meiner Zeit. Sagte der Maler und lässt ihr den weißen Untergrund. Das Quadrat. Dieses Schwarz. Dieses Weiß. Das Nichts – außerhalb der Empfindung. (…) (aus: Elisabeth Koeppe, Gut geraten!, Berlin 2014, S. 126).

Mikhail Matyushin, Kazimir Malevich and Aleksei Kruchenykh, 1913. Found in the Collection of State Mayakovsky Museum, Moscow.
Denken, Wahrnehmen in Bezügen:

Mitunter ist das Gedenken an den Geburtstag der jeweiligen Person eine gute Gelegenheit, sich wieder neu mit dem Leben und Schaffen zu befassen.
So erging es uns auch in der Redaktion und in der Bilddokumentation im Zusammenhang mit dem Geburtstag von Kasimir Malewitsch, für dessen Jubiläum eine ansprechende Sammlung seiner Werke in einem Album zu kreieren war.>>> Zum Album Malewitsch
Zu einem derartigen Album mit einem Querschnitt aus dem Oeuvre des Künstlers gehört natürlich auch ein kleiner einführender Text.

Erst mit einer Übersetzung ins Englische, die eine Kollegin bei akg-images in London formulieren wollte, wurde deutlich, dass bis heute in der einschlägigen Fachliteratur zwei verschiedene Geburtsjahre für Malewitsch angegeben werden.

Wie kommt das zustande? Für solch ein Album zum Jubiläum des Malers ist – ganz grundsätzlich – eine Klärung, zumindest aber eine Auseinandersetzung mit der Frage nötig.

Wir gingen ans Werk, und hier wird es spannend!

Einige Fundstellen zum Geburtsjahr:

Deutsche Nationalbibliothek (DNB), Personennormdatei: 1878 (anders lautend 1879) … Aha, interessant!

Library of Congress (LOC): 1878

St. Petersburg, Ermitage: 1878

Russisches Künstlerlexikon: 1878

Getty Research: 1878

wikipedia.de: 1878

wikipedia.en: 1879

wikipedia.fr: 1879

Tate Modern: 1879

Allgemeines Künstlerlexikon (AKL): 1878

Nun ist guter Rat willkommen. Wie weiter?

Da die Tate Modern ausdrücklich auf den Beitrag in der englischen wikipedia verweist, lese ich ihn nochmals gründlicher:

Hier verlinkt man auf ein Schreiben, datiert 2012, aus dem Zentralarchiv in Kiew, das Auszüge aus dem Kirchenregister der katholischen Kathedrale in Kiew zitiert.

Von einem Sprachkundigen lasse ich mir die Angaben aus diesem Kirchenbuch übersetzen.

Kurzum: da steht unumstößlich „11. Februar 1879“ (d.i. 23. Februar 1879). Und woher kommt nun die anderslautende Angabe mit dem Jahr 1878?

Digging deeper: Ich erfahre, dass Malewitsch höchstpersönlich 1928 oder 1929 seiner Frau Natalia anläßlich einer neuen Anstellung kurze autobiographische Notizen diktiert hatte, die sich im Nachlass seiner Witwe befanden und postum publiziert wurden. Er gab dort an, er sei in Kiew 1878 am 11. Februar geboren (siehe Irina Vakar, Malevich’s Student Years in Moscow: Facts and Fiction in: Malevich. Artist and Theoretician. Moskau-Paris, 1990, S. 28).

Seltsam, Malewitsch hat sich offenbar selbst in seinem Geburtsjahr geirrt. Wollte er sich gegenüber seiner dritten Ehefrau Natalja Andrejewna Mantschenko (1902-1990) älter erscheinen lassen? Reine Vermutung!

Auch im Ablauf seiner beruflichen Ausbildung gibt es von seiner Seite widersprüchliche Angaben (siehe wie oben: Irina Vakar, S. 28 f.). Mag sein, dass ihm Jahreszahlen letztlich nichts bedeuteten.

Seltsam ist schließlich auch die Tatsache, dass, nachdem der bulgarisch-französische Kunsthistoriker Andréi Nakov bereits 2002 auf das Geburtsjahr 1879 bei seinen quellenkritischen Studien gestoßen war und seine Erkenntnisse im Rahmen seiner mehrbändigen Edition von Malewitsch’ Werkverzeichnis publiziert hatte, offensichtlich nur wenige Autoren dies zur Kenntnis genommen haben! (siehe https://andrei-nakov.org/)

Als Reaktion nämlich auf einen Vortrag russischer Kunsthistoriker im Centre Pompidou Anfang April 2017, in dem sie das Jahr 1879 für Malewitsch’ Geburtsjahr als eine ihrer Entdeckungen präsentierten, schreibt Andréi Nakov einen Artikel mit der Überschrift Une soi-disant «découverte» d’une nouvelle date de naissance de Malewicz“. Er schließt mit der ins Schwarze treffenden, obschon leicht resigniert klingenden Formulierung: Ainsi va le monde de la récupération, zu deutsch: So ist das nun einmal mit der récupération. Da der französische Begriff récupération mehrdeutig ist, kann man sowohl lesen “Wiederverwertung” der wissenschaftlichen Erkenntnisse Anderer als auch “Wiedergewinnung” historischer Tatsachen (siehe hier).

Tatsächlich gibt es dafür keine vernünftige Erklärung. Als solide wissenschaftliche Arbeit ist jedenfalls eine solche, selektiv erfassende Forschung bestimmt nicht zu bezeichnen.

Also setzte ich mich umgehend ans zügige Korrigieren: all unsere Einträge waren auf das Geburtsjahr 1879 richtigzustellen. Somit konnten unsere Bildredakteure in Berlin, London und Paris den einführenden Text zum Album anläßlich seines 140. Geburtstages übereinstimmend abfassen – den Anstoß zur Revision aber gab unsere Kollegin in London Anya Prosvetova. Es sei ihr hier allumfänglich gedankt! (Christiane Saumweber)