Lenins Kopf & die Skulpturen der Siegesallee

Lenins Kopf sollte 2015 eigentlich Kernstück der neuen Dauerausstellung “Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler” in der Zitadelle Spandau werden. Aber jetzt im August 2014 sieht es so aus, als ob irgendjemand kalte Füße bekommen hätte, jedenfalls blockiert der Berliner Senat, die seit langem im Konsens zwischen Ausstellungsmachern, inklusive des hochkarätigen wissenschaftlichen Beirats, Politikern und Denkmalpflegern getroffene Entscheidung. “Wir sehen es sehr kritisch, nur den Kopf auszugraben. Man weiß nicht, an welcher Stelle er liegt …”. Kaum zu glauben, denn am Geld scheitert es diesmal nicht, das ist schon seit langem eingeplant. Es verwundert, wie wenig souverän die kulturpolitisch Verantwortlichen der Weltstadt Berlin mit dem politischen Erbe im Jahre 2014 – 25 Jahre nach dem Mauerfall – umgehen. Wovor fürchten sie sich? Es entsteht der Eindruck, als agierten sie ohne jeglichen historischen Erkenntnisgewinn und hätten alte Scheuklappen nie abgelegt. Oder ist es die Angst vor all zu offensichtlichen Parallelen im Umgang mit Denkmälern? „Hier entsorgt der Senat …“ war 1991 auf Transparenten zu lesen. Eine offene Auseinandersetzung mit der ganzen Geschichte der fast 30 Jahre geteilten Stadt sieht anders aus. Nun suchen Reporter, Fotografen und Fernsehteams – allen voran der Amerikaner Rick Minninch, der bereits 1994 Lenins Kopf für seinen preisgekrönten Dokumentarfilm ausgrub – emsig im Köpenicker Wald nach Lenin.

Der Kopf des Lenin-Denkmals   in den Müggelbergen bei Berlin-Köpenick, Foto 1992 akg-images
Der Kopf des Lenin-Denkmals
in den Müggelbergen bei Berlin-Köpenick, Foto 1992
akg-images

Wie absurd das Ganze ist, macht die Tatsache deutlich, dass die Skulpturen der Siegesallee, die für die Ausstellung in Spandau kostenaufwendig restauriert wurden, ebenfalls einst (1954) vergraben wurden, aber bereits 1978 in der Aktion “Rettet die Denkmäler” wieder ausgegraben worden waren. Denkmäler dienen von je her nicht nur dem Gedenken, sondern auch zur Demonstration politischer Macht. Diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, ist das Anliegen der Denkmalschau.

Das 21 Meter hohe Lenin-Denkmal vom früheren Leninplatz, heute Platz der Vereinten Nationen in Berlin-Friedrichshain war 1991 in 129 Einzelteile zerlegt und “eingelagert” worden. In den wilden 90igern wohl nicht ganz so professionell, wie könnte sonst die Denkmalpflege heute sagen, sie wüsste nicht genau, wo der Kopf liegt? Bei der Enthüllung des Denkmals 1970 – das der russische Bildhauer Nikolai Tomski aus rötlichen ukrainischen Marmorgranit fertigte – kam es unfreiwillig zu einer mehr als komischen Situation, denn das große weiße Tuch löste sich anfangs nicht planmäßig von Lenins Kopf, und so blieb er für eine kurze Ewigkeit verhüllt – an Christos Verhüllungskünste dachte damals noch niemand. Die Geschichte dieses Denkmals ist längst ein Teil der deutschen Geschichte geworden. Der spannende Diskurs um Lenins Kopf ist noch vor der Eröffnung unfreiwillig zur Werbeaktion für das Ausstellungsprojekt geworden, für die politischen Akteure allerdings eher zu einem Armutszeugnis. In der Ausstellungskonzeption heißt es, die “Deutsche Geschichte spiegelt sich in besonderer Weise in der Berliner Denkmallandschaft”. Dem kann man nur zustimmen.

Das Ausstellungsprojekt weckt Ansprüche, die es ohne Lenins Kopf nur schwer einlösen kann. Statt dessen werden Defizite deutlich. Es gibt schon Vorschläge im Netz, “wenn Lenin nicht unters Volk zurückkehren darf, könnte man ihn doch einfach an seinem Grab besuchen, oder?” Zu bedauern sind nicht nur die Ausstellungsmacher, deren ambitionierte Idee völlig auf der Strecke bleibt, sondern auch die zukünftigen Ausstellungsbesucher, denen eine komplexe uneingeschränkte Sichtweise aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts auf die Berliner Denkmäler der vergangenen Jahrhunderte und ihre wechselvolle Geschichte vorenthalten wird.

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