Erinnerungen an die Kindheit im ummauerten West-Berlin Teil 1

Hier geht es zum 2. Teil von Volkmars Erinnerungen an seine Kindheit in West Berlin

Auf unserer Webseite ist auch Volkmars Auswahl an Bildern zum Thema zu sehen

Um eines vorweg zu nehmen: Nein, ich möchte die Mauer nicht zurück haben. Ihre Existenz fällt nur in eine Phase meines Lebens, die man im Nachhinein eventuell etwas beschönigt. Auch wenn meine Kindheit nicht besonders aufregend war und ich nicht täglich Außergewöhnliches erlebt habe. Aber die Kindheit ist jedem auf eine Art und Weise heilig, und damit alles, was in ihr existierte und sie somit ausmachte. So gehört die Mauer dazu, auch wenn mir damals natürlich bewusst war, dass sie etwas Aus- bzw. Einsperrendes war und ein Zeichen von Unrecht. Sollte es aber einmal so klingen, als würde ich die Mauer zurück haben wollen, dann betrifft das nicht die Mauer sondern diverse Dinge aus meiner Kindheit und dieses im Nachhinein entstandene Gefühl, dass damals natürlich alles besser gewesen ist, denn die einzige Bedrohung war ja nur die totale atomare Vernichtung der Menschheit, sonst war natürlich alles im Lot. Vermutlich ist es das kindliche Nichtwissen, was man heute zurück haben möchte, was diese Unbekümmertheit erst ermöglichte. Und dieses Gefühl verschwand nach und nach, was auch noch mit dem Mauerfall zusammenfiel, bei dem ich 14 Jahre alt war.
Dass man mitten in einem Stück Geschichte lebte, das später die Bücher füllen würde, war wohl niemandem so richtig bewusst, denn bestimmend war der Alltag, nicht die Mauer. Und der Alltag in einer ummauerten Stadt war kaum anders als sonst auch, man ging arbeiten, fuhr Auto, Bus, U-Bahn, machte Ausflüge, ging einkaufen, ins Kino, Oper, Theater oder wie ich in die Schule. 1975 geboren, gehörte die Mauer einfach dazu wie Briefkästen und Telefonzellen, ihr Ende, das war allen klar, würde keiner von uns jemals erleben. Nichts hält länger als Feindseligkeit.


Und für mich kann ich nur sagen: Nein, ich fühlte mich nicht eingesperrt, Berlin (West) war 481 Quadratkilometer groß und hatte knapp 2 Millionen Einwohner, man stieß nicht bei jeder Ecke auf die Mauer. Ausflüge waren im Süden im Grunewald oder im Tegeler Forst im Norden möglich, dort trainierten auch die Alliierten mit Panzern usw. Einmal liefen wir mitten durch eine Gruppe Amerikaner in Tarnkleidung und mit Gewehren, überall Jeeps und Panzer, niemand sagte etwas, als wir mitten durch die Kriegsübung liefen, nirgends war abgesperrt, also gehörte uns der Wald genauso wie ihnen. Und als vom Panzer vor uns noch eine Dose Cracker & Candy fiel, war das Glück eindeutig auf meiner Seite, da sie noch ungeöffnet war. Natürlich wurde sie mitgenommen so wie unzählige Patronenhülsen der Übungsmunition.
Die Amerikaner gehörten dazu, veranstalteten sie doch jedes Jahr auf dem Flughafen Tempelhof den Tag der offenen Tür. Briten und Franzosen waren auch anwesend, und so gibt es von mir ein Foto in einem britischen Militärhubschrauber mit irgendeinem witzig gemeinten Zertifikat, Fotos auf amerikanischen LKW und Panzern, blitzblank sauber, die Reifen speckig glänzend, Kinder auf Kanonenrohren herumturnend. Auch Flugzeuge konnten besichtigt oder Transporter durchlaufen werden, beeindruckend die Flüge der C-130 Hercules, vier Maschinen, die gleichzeitig je einen ihrer Motoren starteten bis 16 Propeller ohrenbetäubend liefen und die Flugzeuge zu ein paar Runden über den Flughafen abhoben, dazu echte amerikanische Burger. Und einmal fuhren wir auch im Mannschaftspanzer über ein Übungsgelände auf dem Flughafen, allerdings, das haben Panzer an sich, ohne Fenster, und so habe ich nur Gerüttel und Geschüttel und große Wärme in Erinnerung und war fast froh, wieder angekommen zu sein.
In Erinnerung ist mir noch der lange Marsch vom Eingang des Flughafens bis man endlich das Rollfeld erreichte, später gab es dann in Zelten Gepäckkontrollen, vermutlich nach dem Labelle-Anschlag 1986, von dem damals niemand ahnte, dass Libyen dahinter steckte.
Auf dem Teufelsberg war weit sichtbar die Abhörstation, abgehört wurde damals, das war klar, der Osten. Eine ähnliche Station gab es in Marienfelde. Entweder lag es am Alter und dass ich noch keinen eigenen Fotoapparat hatte oder daran, dass man nichts fotografiert, von dem man ausgeht, dass es ewig bleiben wird, und daran, dass das alles recht bald Geschichte sein würde, hatte niemand geglaubt, und so blieben viele Fotos ungeschossen, und erst im Nachhinein oder weil ich inzwischen 15 war, interessierte mich das mehr und mehr, aber da waren die Wachtürme inzwischen unbesetzt, die Mauer löcherig, die Abhörstation leer geräumt (aber trotzdem sehr interessant) und wenig später war alles weg. Und erst seit kurzem weiß ich, dass in Marienfelde auf dem Berg, auf dem nur der viele Schutt im Boden verrät, dass hier mal etwas war, ein amerikanischer Soldat geheimste Geheimnisse fotografierte oder mitnahm und an die DDR weiterreichte, wenige Kilometer von unserer Haustür entfernt. Früher hat man nicht mal nach oben geblickt, wenn man daran vorbei fuhr, heute dafür um so öfter. 1991 wurde er auf offener Straße in Berlin von den Amerikanern in einen Wagen gezerrt und in den USA zu 38 Jahren Haft wegen Spionage verurteilt. Da er irgendwann vorher ganz in der DDR blieb und eingebürgert wurde und nach der Wiedervereinigung automatisch Bundesbürger wurde, eine heikle Sache, an der aber seitens der Bundesrepublik kein Interesse bestand, und man drehte es dann so, dass er gar nicht Bundesbürger war, trotz des Personalausweises, so musste man nicht weiter tätig werden.
Das und so vieles blieb unfotografiert. Man hatte sich daran gewöhnt oder kannte es nicht anders. Und da das Fortbestehen der Mauer und von allem, was die Teilung Berlins mit sich brachte, nicht im geringsten in Frage gestellt wurde, beachtete man es nicht weiter.

Die Mauer war sowieso immer auch Stadtrand, wo man sich eh kaum aufhielt, weil nichts los war. Marienfelde, Lichtenrade, Lichterfelde-Süd, Heiligensee, meist gab es eine stillgelegte S-Bahnstrecke, die im Dickicht verfiel und an der Mauer endeten die verrosteten Schienen.

Die Mauer, die mitten durch Berlin verlief und nicht um West-Berlin herum, war ebenso Stadtrand aus meiner Sicht, dahinter war zwar das andere Berlin doch auf unserer Seite war auch hier meist der westberlintypische Verfall von noch stehenden Altbauten, Sackgassen mit Wendekreisen für Busse und – was man heute kaum für möglich hält – fast ländliche Ruhe. Ein paar Brachen, Schrottautos, in West-Berlin tobte das Leben am Kudamm und in der Schloßstraße, nicht am Reichstag, Brandenburger Tor oder in der Friedrichstraße (Westteil).
Sicherlich gab es überall Spuren, die davon zeugten, dass in Berlin einmal wesentlich mehr los gewesen sein muss, riesige Bahnanlagen, die verfielen und überwucherten, stillgelegte Bahnhöfe.

Auch die stillgelegten Bahnhöfe der Nord-Süd-S-Bahn gehörten einer anderen Zeit an. Das Licht schwach, hier und da ein Grenzer, die S-Bahn fuhr mit reduzierter Geschwindigkeit ohne zu halten durch diese im Tunnel gelegenen Stationen, die z.B. Nordbahnhof hießen, Potsdamer Platz usw. Halt war in Friedrichstraße, damals noch orange gefliest. Dort konnte man nach Berlin-Hauptstadt der DDR einreisen, die restlichen Stationen auf Ostberliner Gebiet wurden langsam durchfahren. Man sah aus dem Fenster, um evtl. einen Grenzer zu finden, der irgendwo im Dunkel seinen langweiligen Dienst versah.

Oberirdisch erinnerten Straßenbahnschienen hier und da noch in der Fahrbahn, die an der Mauer endeten, ein ein wesentlich lebendigeres Berlin. Aber das war eine andere Zeit. Und irgendwie auch eine andere Stadt. Das aktuelle Berlin der 80er Jahre hatte damit nichts zu tun. War es wirklich so beschaulich, wie ich es in Erinnerung habe? Für viele Orte, an denen heute das Leben tobt, gilt das sicherlich. Das gilt besonders für den Teil der Mauer, hinter dem Ost-Berlin lag. Einöde wäre noch schmeichelhaft, z.B. für den Potsdamer Platz oder von dem, was noch übrig war davon. Und im Südwesten gab es sogar noch Landwirtschaft, wir fuhren ab und zu zur Ernte hin und sahen etwas zu. Das kannten wir sonst nur aus dem Urlaub. Und natürlich war an den meisten Straßen, die an der Mauer endeten, nicht viel los. Die Menschen lebten in Ruhe am Stadtrand. 20 Jahre später liegen vierspurige Straßen vor ihrer Haustür, die gleich nach Erreichen der Stadtgrenze einer Autobahn gleichen. Langsam rollt die Blechlawine vorwärts, LKW aus den Gewerbegebieten im Umland, Menschen, die zum Arbeiten nach Berlin fahren oder die zu diesem Anlass Berlin verlassen.
In den 80ern fuhr mein Vater mit mir mit dem Moped dieselbe – damals noch zweispurige – Straße in Lichtenrade entlang, vermutlich kam uns kein Auto entgegen. Am Ende war ein Übergang für Müllfahrzeuge, eine dicke weiße Linie auf der Straße, links und rechts die Mauer, sicherlich mehrere Hinweisschilder dies- und jenseits der Grenze und so manches Mal fuhren wir eine großen Bogen zum Wenden und dabei mehrere Meter in die DDR hinein über die dicke weiße Linie hinüber, der Kontrollpunkt war erst weiter hinten. Vielleicht hat diese Provokation jemand in der DDR notiert aber eigentlich sah drüben alles still und ebenso ruhig aus wie hier.


Ich erinnere mich noch gut, dass meine Mutter zum Einkaufen immer”in die Stadt” fuhr, womit die Schloßstraße in Steglitz gemeint war, Kaufhäuser, Laden an Laden. Für eine gebürtige Berlinerin in Berlin lebend, fand ich diese Ausdrucksweise immer etwas merkwürdig, und wunderte mich, wie man in Berlin “in die Stadt” fahren kann, aber sie war nicht die einzige, die diesen Terminus benutzte. Im Oktober 1989 wurde dann der lange Donnerstag eingeführt, an dem die Geschäfte bis 20:30 Uhr geöffnet haben durften und nicht wie sonst um 18:30 schließen mussten, samstags sogar 14:30 Uhr.

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