Folter auf der Leinwand – Die Schindung des Marsyas von Tizian

 

Vor einigen Jahren besuchte ich eine Tizian-Ausstellung, einer der Blockbuster der heutigen Kunstwelt. Nie war ich eine große Liebhaberin von Tizians Werk, aber ich erkenne natürlich seine meisterhaften künstlerischen Fähigkeiten an und so ging ich in die Ausstellung.

Oft wurde gesagt, Tizian war der erste wahre Impressionist und ich denke, diese Theorie wird durch einige seiner Werke begründet. Das Gemälde „Tod des Aktäon“ in der National Gallery zeigt klar impressionistische Pinselstriche und Röntgenbilder beweisen, dass Tizian viele seiner Werke ohne Unterzeichnung fertigte. Das Gemälde vermittelt extrem die Illusion von Geschwindigkeit und man glaubt fast das Rauschen der Blätter zu hören, wenn Diana Aktäon jagend durch den Wald läuft und der sich vor unseren Augen in einen Hirsch verwandelt. Das ganze Bild ist Hast und Jagd, was durch Tizians leichten Pinselstrich verstärkt wird.

Aber das Gemälde, das sich mir von allen der Ausstellung wirklich einprägte, war Tizians „Die Schindung des Marsyas“, ein Werk von gewaltigen 212 x 207 cm! Das Bild zeigt den Moment in dem Marsyas, als Strafe für seine Unverfrorenheit den Gott Apollon zu einem musikalischen Wettstreit herauszufordern, bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen wird.

In den Sagen variiert die Geschichte leicht, aber die Grundaussage ist dieselbe: Der Satyr Marsyas fordert den Gott Apollon zum Wettstreit heraus, um den besten Musiker zu küren – Marsyas auf dem Aulos (eine Doppelflöte) oder der Lyra spielende Apollon.

Der Sieger kann mit dem Verlierer tun, was ihm beliebt und den Musen fiel das Schiedsamt zu. Unnötig zu erwähnen, dass diese den Gott dem Satyr vorzogen und Apollon ersann eine wirklich harte Strafe.

Das ist das Sujet, das Tizian für seine monumentale Leinwand auswählte; der junge Satyr hängt zusammen mit seinem Instrument gefesselt in den Ästen. Apollon (erkennbar an seinem Lorbeerkranz) häutet selbst mit ernsthafter Konzentration und scheinbarer Unschuld. Ein Helfer befasst sich mit den Beinen des Satyrs und eine andere Figur spielt Geige.

Auf der rechten Seite des Gemäldes ist eine Gruppe unbeteiligter Zuschauer dargestellt: Wir sehen ein anderes satyrähnliches Geschöpf, einen Jungen, einen Krone tragenden älteren Mann (der eine auffallende Ähnlichkeit mit Tizian hat) und zwei Hunde. Einer, kaum zurückzuhalten, scheint sich  auf Marsyas stürzen zu wollen. Der andere, ein kleiner Schoßhund, leckt gierig das warme Blut, das  aus den Wunden des Satyrs strömt.

Der Malstil dieses Spätwerks Tizians ähnelt dem von „Tod des Aktäon“ – der Pinselstrich ist frei und teilweise scheint es überarbeitet worden zu sein, um eine rasende, brutale und beinahe wollüstige Atmosphäre zu erzeugen, die sich in Marsyas Mimik noch verstärkt: voller Schmerz und Furcht, mit Tränen in den großen dunklen Augen seinem Schicksal ergeben.

Die Leinwand ist ungeachtet ihrer Größe übervoll. Davor stehend schaut der Betrachter direkt in Marsyas Gesicht und die Qualen, die diese schöne Kreatur zu erleiden hat, scheinen kaum ertragbar. Noch Jahre nachdem ich das Gemälde zum ersten und einzigen Mal im Original sah, verfolgt es mich und ich muss Iris Murdoch Recht geben, die es einst als das großartigste Gemälde des westlichen Kanon der Kunst(geschichte) bezeichnete.

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